Jules Massenet

Don Quichotte

Ein Charakteristikum der Französischen Oper, oder besser, der französischen Komponisten der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist, dass sie besonders natürliche Frauenfiguren von "Mozartscher" Zeitlosigkeit geschaffen haben. Obwohl viele dieser Rollen auf literarischen Vorlagen beruhen wie zum Beispiel Berlioz' Marguérite (Faust), Massenets Charlotte (Werther) und Dulcinée (El ingenioso Don Quchiotte de la Mancha) etc., erscheinen sie in den jeweiligen Opern als lebensnahe, moderne Frauen.

Während Dulcinea in Cervantes' Original nur in Don Quichottes Phantasie existiert, lässt Massenet Don Quichotte mit einer realen Dulcinée zusammentreffen. Und es ist diese Begegnung, die Konfrontation Don Quichottes mit der Wirklichkeit, die ihm später seine Illusionen und damit seinen Lebensantrieb rauben wird. Denn symbolisch verkörpert Dulcinée einen Gegenpol zu Don Quichotte: die ungestüme, noch unerfahrene und damit auch blinde Jugend. Don Quichotte wiederum steht für das Alter, das, vor dem Tod fliehend, sich die Jugend zurücksehnt. Während aber Don Quichotte nicht zur Jugend zurückfinden kann, macht Dulcinée eine Wandlung durch, weg von der Jugend und der für sie typischen Verliebtheit zu Reife und der damit erst möglichen wahren Liebe. Entsprechend verlieren ihre zahlreichen Bewunderer ihren Reiz, aber die eigentliche Erkenntnis ist auch für sie schmerzhaft und mit Verlust verbunden: sie muss Don Quichotte abweisen. Dabei gilt ihre echte, offenbarte Zuneigung in Umkehrung der Rollenverhältnisse zu Cervantes' Original einer Rittergestalt ihrer Phantasie, für den der wirkliche Don Quichotte lediglich das Sprachrohr abgibt.

Somit handelt es sich bei der Dulcinée um einen sehr komplexen Charakter, der leider oft und dazu noch irrtümlicherweise auf die Rolle einer Kurtisanen reduziert wird. Ein genaues Studium des Librettos zeigt nämlich auf, dass letztere Sichtweise zu trivial ist. Don Quichotte und Sancho treffen nicht zufällig während einer Irrfahrt auf eine Frau, die für Dulcinée gehalten werden könnte, sondern kommen an ihrem Ziel, der Heimatstadt der "richtigen" Dulcinée an, die von Sancho - ohne Ironie (!) - als "noble dame" bezeichnet wird. Einer von Dulcinées Bewunderer, Juan, fordert Don Quichotte zum Duell auf, als dieser ihr - nur - ein Ständchen vorbringen will. Die Oper spielt zu Beginn vor dem Haus der Dulcinée (um "seigneuriale" erweitert ist "demeure" ein Synonym für "château"), der vierte Akt in dessen Innenhof ("patio"), später erscheinen dort auch Diener ("valets"). Dies alles lässt eher darauf schliessen, dass Massenet in seiner Oper die "fiktive" Romanfigur Cervantes', eine Edeldame, zum Leben erweckt. Auch ihr Auftrittslied, in welchem sie der Verbindung aus Liebe einer konventionellen Heirat mit einem Adligen den Vorzug gibt, impliziert, dass sie zur Oberschicht gehört, denn nur so wäre eine solche Heirat standesgemäss und käme für sie überhaupt in Betracht. Andernfalls aber hätte sie auf die in der damaligen, frauenfeindlichen Epoche typische Verführung von Mädchen aus dem einfachen Volk durch Adlige mittels Heiratsversprechen - so wie Mozarts Don Giovanni mit Zerlina widerfahren ist - hingewiesen.

Dulcinée ist also - nicht anders als Bizets Carmen, und als deren Schwester wird sie oft auch bezeichnet - lediglich eine junge, lebenshungrige und selbstbestimmte Frau, was Ihre Schönheit, respektive ihre Attraktivität auf die Männer noch zusätzlich erhöht. Es überrascht dann auch nicht, dass beide, um ihre verführerische Sinnlichkeit zu unterstreichen, für Mezzosopran geschrieben worden sind. Und Dulcinées Auftrittslied "Quand la femme a vingt ans" kann als Pendant zu Carmens "L'amour est un oiseau rebelle" angesehen werden. Auch in ihrem Schicksal weisen sie Parallelen auf, beide entziehen sich dem Joch der Ehe (oder Kirche) und jenem des Mannes: Carmen trennt sich von Don José, wofür sie mit ihrem eigenen Tod bezahlen muss; Dulcinée weist erst ihre Verehrer ab und dann Don Quichottes - absurden - Heiratsantrag, wodurch dieser erstmals an der Wirklichkeit scheitern wird (hinzukommt dann noch der direkte Spott der Leute, respektive der Öffentlichkeit; ein weiterer Todesstoss). Beide Rollen haben letztlich nichts Billiges an sich, sondern müssen durch subtiles Spiel und differenzierte musikalische Gestaltung verkörpert werden, gilt es doch erst Lebensfreude und Sinnlichkeit auszustrahlen, dann zu einer Melancholie und Trauer zu finden.

Vesselina Kasarova / 13. Mai 2003