Wolfgang Amadeus Mozart

La clemenza di Tito

Auch wenn Mozarts letzte Oper in den vergangenen zwei Jahrzehnten endlich die ihr gebührende Anerkennung erfahren hat, so steht die "Krönungsoper" La clemenza di Tito noch immer im Schatten der drei Da Ponte-Opern, im Schatten der Entführung und der Zauberflöte. Zu Unrecht liess man sich in der Vergangenheit allein von äusseren Umständen im Urteil fehlleiten: lediglich ein in kurzer Zeit komponiertes "Auftragswerk", zudem in der - schon in der Entstehungszeit dieses Werkes als veraltet und überholt geltenden - Gattungsform der Opera seria.

Natürlich mögen Handlung und musikalische Struktur dieser Werkes den Konventionen der Opera seria folgen, in seinem wahren Kern ist La clemenza di Tito aber ein verdichtetes, zeitloses Kammerspiel, fokussiert auf die psychologischen Konflikte der beteiligten Personen. Metastasios Libretto als vorgegebene Vorlage muss Mozart sehr willkommen gewesen sein: ein Meisterwerk, das durch Mozarts und Mazzolàs Bearbeitung in seiner Genialität noch akzentuiert wurde und nicht zuletzt die ideale Basis bot für Mozarts unerreichte Begabung, Gefühle musikalisch umzusetzen.

Deshalb sind Mozarts Figuren ja auch die musikalisch subtilsten und schwierigsten überhaupt. Und dies gilt insbesondere für die Rolle des Sesto, der hier mehr verkörpert als eine der typischen, in Konflikte verstrickten Seria-Figuren: Mozarts Sesto ist letztlich ein Sinnbild des "guten Menschen".

Wichtigstes Wesensmerkmal seines Charakters und Nährboden für das Drama ist seine noch ungefestigte Identität. Für andere vermittelnd, von anderen bestimmt und getrieben: alle Beziehungskonstellation laufen durch ihn und machen ihn zum eigentlichen Zentrum der Oper. Ein Hin- und Hergerissener, der sprichwörtlich zerrissen wird, wenn am Schluss der Oper die verschiedenen Beziehungen ein Ende finden. Wie bei Idomeneo ist es nicht der eigentliche Titelheld, der bei der für die Opera seria klassischen Konfrontation und Überwindung eines Konfliktes eine Entwicklung durchläuft, sondern Sesto und Vitellia (Idamante und Elettra respektive).

Es ist unglaublich, wie exakt Mozart dabei die Psychologie seines Sesto musikalisch nachgezeichnet hat. "Parto, ma tu ben mio" ist mehr als eine phantastische - und für die Opera seria unverzichtbare - Bravourarie, hier wird allein durch die Musik das Gespaltene seines Charakters offenbart. Sesto ist auch Ausgangs- und Mittelpunkt im ersten Kulminationspunkt der Oper gegen Ende des ersten Aktes. Im Recitativo accompagnato Nr. 11 brennt das Kapitol, wofür Mozart keine naturalistische Wiedergabe komponiert hat. Musikalisch lässt Mozart vielmehr Sesto in sich selber brennen. Und das anschliessende wunderschöne, den ersten Akt beschliessende Quintett, steht nicht nur für das Entsetzen und die Trauer über den - vermeintlichen - Tod des "guten Herrschers" Titus, sondern auch für den gleichzeitigen - echten - Verlust des "guten Menschen" Sesto. Bei seinem Rondo "Deh, per questo istante solo" wiederum ist auffallend, mit wie viel Liebe Mozart die Musik gestaltet hat. Dieses Rondo ist auch ein typisches Beispiel für Mozarts dramatische Meisterschaft: für die stärksten und schmerzvollsten Momente nimmt er die Musik zurück, wählt Ruhe und Stille, was den Effekt nur noch erhöht. Dafür steht auch das vorangegangene, magische Terzett Nr. 18 "Quello di Tito è il volto".

La clemenza di Tito ist nach meiner Meinung kein Schritt zurück, sondern ein Aufbruch zu einem moderneren Ansatz. Und nur durch Mozarts frühen Tod wurde La clemenza di Tito zu einem krönenden (!) Abschluss eines unübertroffenen Schaffens.

Vesselina Kasarova / 8. Februar 2005