Jules Massenet
WERTHER - Charlotte
Zürich / Opernhaus / 23. Juni 1996 (P)

© Neue Zürcher Zeitung, 25. Juni 1996, Seite 43, Marianne Zelger-Vogt

... Das Ereignis dieser Premiere aber war Vesselina Kasarovas Rollendébut als Charlotte. Ihre schlanke Tongebung, ihr weiches, zartes und doch tragendes Piano, ihre Fähigkeit, die Stimme in weitgespannten Phrasen glanzvoll aufblühen zu lassen, helle und dunkle Farben subtil zu mischen: das alles prädestiniert sie für diese Rolle und für das lyrische französische Mezzofach insgesamt. Doch was Vesselina Kasarovas Charlotte so ergreifend macht, ist über alle Kunstfertigkeit und stimmliche Fülle hinaus die enorme emotionale Kraft, die dieser Stimme eignet, zart verhalten zuerst und dann, im dritten und vierten Akt, leidenschaftlich und schmerzvoll ausbrechend. Was Charlotte empfindet, spiegelt sich in der Stimme und auf dem Gesicht dieser jungen Sängerin so klar, dass es der grossen, heftigen Bewegungen zum Ausdruck innerer Erregtheit nicht bedürfte. ...

© Tages-Anzeiger, 25. Juni 1996, Seite 71, Michael Eidenbenz

... Perfekt ohne Einbusse gar ist Vesselina Kasarova in ihrem Rollendebut als Charlotte - eine ereignishafte Stimme, ein in sämtlichen Registern voluminöser, ausdrucksstarker und klangpräsenter Mezzosopran. Charlottes Briefszene mit ihren Gefühlstumulten zwischen Versuchung und Widerstand, schliesslich ihr Weinen aus übervollem Herzen war einer der tatsächlich echt ergreifenden Momente des Abends. ...

© Tagblatt der Stadt Zürich, 25. Juni 1996, Seite 9, Hans Uli von Erlach

... Die Mezzosopranistin Vesselina Kasarova, längst von der Zürcher Bühne aus zur Weltkarriere gestartet, singt ihre erste Charlotte: Vom mädchenhaften Schwärmen über bürgerliche Fraulichkeit bis zur zerbrochenen Liebenden zieht sie die Register, setzt darin ihre umfangreiche Stimme ein, gestaltet mal atemlos, mal hingebungsvoll, mal tragisch, durchwegs glaubhaft. Vor allem ist sie, wie Araiza, fähig zu berührendem Pianissimo. ...

© Badener Tagblatt, 25. Juni 1996, Elisabeth Feller

... sowie Vesselina Kasarova: Und ihre Grösse triumphiert da, wo von Gesang und Mimik nicht mehr die Rede ist; wo die Sphäre des Vortrags, des Ausdrucks, ja man darf sagen: der Seele beginnt. Und deshalb wirkt gerade der rasende Schmerz ihrer letzten Arie umso ergreifender; kann nicht mehr von Darstellung die Rede sein, sondern von Vergegenwärtigung ohne Pose. ...

© Basler Zeitung, 25. Juni 1996, Seite 35, Sigfrid Schibli

... Selbstverständlich ist "Werther" in hohem Masse eine Sängeroper, die mit dem Protagonisten Paar steht und fällt. Und hier glänzt die Zürcher Produktion mit der hoch differenziert singenden, über eine kräftige Tiefenlage verfügende und die Register bruchlos verbindende bulgarische Mezzosopranistin Vesselina Kasarova. Die Sängerin, die sich durch eine vorzügliche Einspielung der "Nuits d'été" von Berlioz auch auf Compact Disc bestens im französischen lyrischen Fach eingeführt hat (BMG 9026 68 008-2), ist ihrem Partner punkto vokaler Differenziertheit klar überlegen. ...

© Aargauer Tagblatt, 25. Juni 1996, Seite 11

... Ganz anders Vesselina Kasarova mit ihrem Debut als Charlotte. Auch sie hat wie Araiza keine grosse dramatische Stimme. Doch ihr liegt die französische Musik mit ihrer Sensibilität und ihrem melodramatischen Charme, wie sie schon bei ihrer phänomenalen Debut-Einspielung von Berlioz' "Nuits d'été" bewiesen hat. Welch schmeichlerischen Schmelz vermag diese Stimme zu vermitteln, spielerisch leicht kommt das schon fast verwegen leise Piano daher und die dramatischen Spitzentöne sind genau und dramaturgisch richtig gesetzt. Kasarova ist eine grosse Sängerin, gerade weil ihre Stimme nicht einfach mit strahlend lauten Tönen lockt. ...

© Opernglas, September 1996, Seite 25 - 26, Ch. Strehk

... Eine Rollendebütantin haucht der Figur hinreissendes Lieben und tragisches Leiden ein: Vesselina Kasarova, die seit 1989 Ensemblemitglied am Opernhaus Zürich ist, 1989 den Wettbewerb "Neue Stimmen" in Gütersloh gewann und seitdem an den führenden europäischen Häusern vor allem mit Mozart- und Rossini-Partien erfolgreich gewesen ist, avanciert mit Massenet zum gefeierten Star des Abends. Ihr schlanker, lyrischer Mezzo beeindruckt durch seine enorme Wandlungsfähigkeit. Schillernd-freudiges Leuchten wechselt mit innigem Schmelz und verschattet schmerzlicher Fahlheit. Wo es darauf ankommt, stehen Reserven für eine überraschend füllige Tiefe und hysterisch-gleissende Höhenaufschwünge zur Verfügung. Die vielfarbig-zarten und doch enorm tragfähigen Piani, die ohne typische Posen anmutig ausgespielte Bühnenpräsenz sowie die Emphase und tragische Grösse dieser Charlotte werden in Erinnerung bleiben. ...

© Opernwelt, August 1996, Seite 16, Gerhard Rohde

... Kasarovas leichter, elegant geführter Mezzo trifft die Diktion der Partie ausgezeichnet, stattet ihre Vokalität mit jenem zarten, farbenreichen Espressivo aus, hinter dem Kraft, Leidenschaft, Erregung und Schmerz, die den Charakter der Charlotte prägen, erfahrbar werden. ...


Jules Massenet
WERTHER - Charlotte
Berlin / Deutsche Oper / 20. Juni 1998 (konzertant)

© Der Tagesspiegel, 22. Juni 1998, Seite 26, Manuel Brug

... Neben diesem (Alfredo Kraus) offenbar wirklich alterslosen Stürmer und Dränger die - halb so alte - Traum-Charlotte unserer Tage. War das früher Brigitte Fassbaender, die die Partie noch tragischer, dramatischer zerrissen anlegte - nachzuprüfen neben Placido Domingo auf dem gerade bei Orfeo (C 464 972 I) erschienenen Live-Mitschnitt der Münchner Erstaufführung aus dem Jahre 1977, die damals die bis heute andauernde deutsche "Werther"-Renaissance einleitete -, so ist das heute Vesselina Kasarova. Modisch zwar eher eine Thais denn eine Brot aufschneidende Hausfrau, sang die junge Bulgarin, die ausserhalb Berlins längst einer der bedeutendsten Opernstars ist, mit weich verhangener Morbidezza und zurückhaltendem Ton, der sich in ihrer grossen Solo-Szene "Laisse couler mes larmes" zu ausdrucksvollen Schmerzenswindungen steigerte. Das letzte von vier Duetten, in denen Jules Massenet seine letale Love-Story entwickelt - Charlotte findet den sterbenden Werther am Weihnachtsabend -, war von fast schon transzendenter Schönheit. ...

© Berliner Morgenpost, 22. Juni 1998, Seite 26, Martina Helmig

... Die Bulgarin Vesselina Kasarova ist der zweite Star des Abends. Wie sie die Stimmungsumschwünge in der Eröffnungsarie des dritten Akts auslotet, ihr Bühnentemperament, ihre lyrischen und dramatischen Qualitäten ausspielt - das kann neben Alfredo Kraus gut bestehen. ...

© Opernglas, September 1998, Seite 32, Michael Lehnert

... Geschmackvoll und mit Charme machte Alfredo Kraus den grossen Altersunterschied zu seiner Charlotte vergessen. Vesselina Kasarova könnte seine Enkeltochter sein, und es darf wohl als grösstes Kompliment gelten, wenn man berichtet, dass sie stimmlich eine Hochblüte erlebt, die sie in der Reife des Vortrags und mit ihren technischen Möglichkeiten auf vergleichbarem Niveau agieren lässt. Nie zuvor ist eine Charlotte mit derart ausgeglichener farbenprächtiger Höhe zu hören gewesen, mit so unerhörten Abstimmungsnuancen im Ausdruck. Hier steht ein unforcierter dramatischer Mezzosopran am Anfang einer hoffentlich lange andauernden und weiterhin so vorsichtig wie bisher angegangenen Karriere. Behutsam, noch ein wenig unhörbar im Pianissimo der ersten Szenen, gelang der Kasarova ein dramatischer Spannungsbogen, der den üppigsten Wohlklang einer begnadet schönen Stimme vor den Ohren der Zuhörer ausbreitete. ...

© orpheus, August + September 1998, Seite 26, Ingrid Wanja

... Vorzüglich waren auch die anderen Sänger, vor allem Vesselina Kasarova, die stimmlich alle Voraussetzungen für die Charlotte mitbrachte: einen leichten Mezzo mit gut angebundenem klangvollem tiefem Register ohne Brusttöne, eine Stimme wie aus einem Guss, die mit überlegener Eleganz und souverän geführt wird und die auch im Dunklerwerden die Entwicklung Charlottes hörbar machte. ...