Komponist

Wolfgang Amadeus Mozart

Mit den Anmerkungen, die ich im folgenden anführe, möchte ich versuchen mitzuteilen, was ich aus der Sicht der Interpretin bei Mozarts Musik empfinde.

Mozart war ein musikalischer Maler von Seelenlandschaften. Er kannte vielleicht wie kein anderer vor und nach ihm das Wesen der Seele, und immer widmete er sich ihr, speziell in ihrer Erscheinungsform der Liebe.

Einen gelungenen Versuch, Mozart charakterisieren zu wollen, finde ich jenen von Werner Oehlmann: „Was den Dramatiker Wolfgang Amadeus Mozart (27. Januar 1756 bis 5. Dezember 1791) über alle seine Vorgänger und Nachfolger in der Geschichte der Oper hinaushebt, ist einmal die Kraft und Universalität einer beispiellosen musikalisch-schöpferischen Begabung, welche alle Formen und Ausdrucksmittel der Zeit mühelos beherrschte und mit der souveränen Willkür des Genies über ihre Zeit hinaus weiterentwickelte; es ist überdies die glückliche Unbefangenheit eines klaren und freien Geistes, der sich nicht durch konventionelle Begriffe und Doktrinen fesseln liess, sondern aus allen Umhüllungen und Verkleidungen stets den Kern der absolut gültigen menschlichen Wahrheit herauslöste." (Werner Oehlmann, Oper in vier Jahrhunderten, Seite 262).

Soll ich versuchen, ihn zu charakterisieren, dann würde ich sagen, dass Mozart immer echt ist, seine Musik in Musik transponierte Wahrheiten. Ob er nun Opera seria oder buffa komponiert hat, damit wechselt er nur die Perspektive, sie ist aber nicht ausschlaggebend sondern zufällig. Damit wird dem Umstand Rechnung getragen, dass in der damaligen Zeit - und wie stark auch später bei Rossini - die Libretti vorgelegt wurden, oft mit einem ausdrücklichen Auftrag verbunden war und damit den Einfluss des Komponisten mindestens begrenzten. Erst später kommt die persönliche Stoffwahl als neue Dimension hinzu.

Die oft angeführte Teilung von Mozarts Opern in eine Gruppe der Opera seria und eine zweite der Opera buffa finde ich willkürlich. Diese Unterscheidung drängt sich als stilistisches Merkmal auf. Und vielleicht spielt auch eine Rolle, dass seine Komödien Le nozze di Figaro, Così fan tutte und Don Giovanni sowie das Singspiel Die Zauberflöte heute die grösste Popularität geniessen und die Werke der Gattung der Opera seria wiederum bis auf Ausnahme von La clemenza di Tito alle zu Beginn komponiert wurden.

Mozart war aber die Oper als Gestaltungsform an und für sich sehr wichtig. Und allen seinen Werken ist als zentrales Merkmal gemeinsam, dass die darin vorkommenden Figuren intensive menschliche Gefühle durchleben.

„Opern wollte Mozart schreiben, darauf weisen seine Messen eindeutig hin. Es ist der einzige aktive ‚berufliche' Wunsch, den er mehrmals und mit wachsendem Nachdruck dokumentiert hat." (Wolfgang Hildesheimer, Mozart, Seite 146).

Ich bin sogar der Ansicht, dass seine Komödien mehr sind als solche. Hinter allen steht ein Ernst, eine nicht zu unterschätzende Dramatik. Dies im Gegensatz zu Rossinis Komödien, wo der Witz hauptsächlich - wenn auch in unnachahmlicher Weise - den Ton angibt. Mozart ist einer der dramatischsten Komponisten überhaupt.

Es ist zur Konvention geworden, im Falle von Le nozze di Figaro, Don Giovanni und Così fan tutte von den Da Ponte-Opern, von einer Trilogie zu sprechen. Diese Bezeichnung ist nicht ungefährlich. Der Umstand, dass Da Ponte zu allen drei Opern die Libretti geschrieben hat, ist nicht der einzige gemeinsame Nenner. Dies hat auch einen gewissen willkürlichen Aspekt, da die Zusammenarbeit sich zufällig ergab, und da es sich immer um Auftragswerke handelte, die Rolle des Librettisten nicht überschätzt werden darf. Die Bezeichnung Trilogie ist in dem Sinne zutreffend, als in allen drei Werken das Verhältnis von Mann und Frau thematisiert ist. Das Besondere wiederum, dass Mozart in ihnen die Position der Frauen verteidigt, als Anwalt der Frauen auftritt. Bezüglich Da Pontes Mitarbeit ist auf eine eigentliche Entwicklung speziell hinzuweisen. In Le Nozze di Figaro übernimmt er ohne einschneidende Änderungen Beaumarchais' Komödie „Der tolle Tag oder Figaros Hochzeit". Im darauffolgenden Don Giovanni ist es ein literarisch vielfältig bearbeiteter Mythos, den Da Ponte individuell zu einem eigenen Stoff umwandelt, ihn auch zum eigenständigen Autoren macht. Noch weiter geht er bei Così fan tutte, wo nun noch stärker als bei Don Giovanni ein eigenes Werk entsteht. Es findet auch eine abstufende Darstellung von Gewalt gegen Frauen im abstrakten Sinne statt. In Le nozze di Figaro ist es das herrschende Recht, auf das sich der Mann (Graf) bezieht und von welchem diese ausgeht. Bei Don Giovanni ist es die von der Person (Don Giovanni) selber ausgehende Aggressivität, die auch die körperliche Form stark beinhaltet. In Così fan tutte schliesslich zeigt sich die Gewalt in subtilerer Form. Der Angriff auf die Frau erfolgt aus einer Laune (Wette) und bedient sich der Manipulation (Lüge, Täuschung). In allen drei Werken steht auch der Mann am deutlichsten auf der Verliererseite (der Graf und Figaro bei Nozze, Don Giovanni und Don Ottavio bei Don Giovanni, Ferrando und Guglielmo bei Così fan tutte). In seinem Gerechtigkeitsempfinden ist Mozart also konsequent. Wenn er die Klassengesellschaft kritisiert, so setzt er sich für die unteren Stände ein. Wenn es um die Geschlechter geht, schlägt er sich auf die Seite der Schwächeren, auf die der Frauen. Mozart absolutes psychologisches Verständnis war demnach nicht reduziert auf allgemeines menschliches Verhalten, sondern auch um eine sozialpolitische Dimension erweitert.

Ein Merkmal, welches Mozart besonders kennzeichnet, besteht darin, intensivste Dramatik pianissimo gestalten zu können. Mit Volumen liesse sich diese Stellen einfach zeichnen, Mozart aber wählt oft einen innigen, leisen Rahmen dafür, um natürlich dann umso grösseren Effekt zu erzielen, wenn sich das Publikum darauf einlässt.

Mozart hat zur Zeit der Klassik komponiert und bediente sich deren musikalischen Mittel. Natürlich hat er dies mit einer solchen Meisterschaft getan, dass der Zugang zu seiner Musik unheimlich leicht fällt. Dennoch denke ich, dass bei Mozart sehr genau hingehört werden muss, um das vollständige oder wahre Gesicht seiner Musik zu erkennen. Das heisst, auch bei ihm ist es notwendig, sich seiner Musik hinzugeben, um die ganze Wirkung fühlen zu können.

Sören Kirkegaard schreibt „Auch bei Mozart ist es nun der Fall, dass es nur ein Werk von ihm gibt, welches ihn zu einem Klassischen Komponisten und absolut unsterblich macht. Dieses Werk ist Don Juan. Was er ansonsten hervorgebracht hat, kann erheitern und vergnügen, kann unsre Bewunderung erwecken, die Seele bereichern, das Ohr erquicken, das Herz erfreuen; doch man tut ihm und seiner Unsterblichkeit keinen Dienst, wenn man alles in einen Topf wirft und in der Grösse gleichmacht. Der Don Juan ist sein Meisterstück. ..." (Sören Kirkegaard, Die unmittelbaren erotischen Stadien oder sa Musikalisch-Erotische, Seite 11). Ich bin anderer Ansicht und denke, dass bei Mozart gerade in all seinen Werken diese Grösse enthalten ist. Aber mit diesem Zitat wird vielleicht deutlich, dass Mozart uns individuell und unterschiedlich ansprechen kann, das Einzige was zählt, ist, dass er in uns etwas bewirkt.

Dies macht auch Wolfgang Hildesheimer, anhand Goethes Auffassung von Mozart deutlich: „Gewiss hörte Goethe auch das objektiv ‚Schöne', aber offensichtlich hörte er eben mehr: Neben subjektiv Falschem hörte er jene Beherrschung der Gefühlsskala, die es Mozart erlaubt hat, ad libitum über seine Bühnengestalten zu verfügen und somit musikalische Panoramen hinzustellen, die uns die Einsicht in seine Gestalten vermitteln." (Wolfgang Hildesheimer, Mozart, Seite 48f.).

An anderer Stelle schreibt Hildesheimer zu dem verbreiteten Missverständnis von Mozart und seinen Werken, „sie hörten den Zauber, eben jene scheinbar unangestrengte Leichtigkeit, die alle Tragik zu überspielen scheint und sie doch im zart anklingenden Gestus der Versöhnung enthält. Ihnen entging die ungeheuerliche Skala jener Eigenschaften, die dem Analysierbaren, dem interpretatorisch zu Bewältigenden, jenes Element voranstellt, das für uns das Geheimnis der künstlerischen Überleistung ist. ... Mozarts Deuter können den Wert seines Werkes nur umschreiben; an den Kern, die Emotionen auslösende Botschaft, gelangt niemand." (Wolfgang Hildesheimer, Mozart, Seite 50). Ich verstehe dies in der Richtung, dass es Mozart um die Schilderung von Gefühlen ging, die nicht einfach wiedergegeben werden sollen, sondern die gelebt werden müssen, damit sie beim Publikum wiederum Gefühl erzeugen können. Und darin liegt wohl ein wichtiger Aspekt der musikalischen Meisterschaft Mozarts: die Fähigkeit, sein Publikum in Bann ziehen zu können und etwas in ihm auslösen zu können. Mozart ist also auch in diesem Moment kreativ.

„Kein anderer Komponist nahm als unerbittlicher Kritiker seiner Gegenwart so umfassend Bezug zur Tradition der barocken Oper und griff so visionär auf das Musikdrama des neunzehnten Jahrhunderts voraus. Im Unterschied zum gängigen Bild des göttlichen Musensohnes war Mozart ein politisch vielfältig interessierter und engagierter Künstler, der im Spannungsfeld von Revolution und Restauration eine faszinierende Aufarbeitung von Utopie und Krise der Aufklärung schuf. In ihrer Brisanz als Lebens- und Gesellschaftsentwürfe sind die Opern Mozarts stets neu, in vielen Details überhaupt erst zu entdecken. Es gilt, sie als Spiegelbild unserer eigenen Wirklichkeit zu begreifen." (Wolfgang Willaschek, Mozart-Theater, Vom Idomeneo bis zur Zauberflöte, Seite VII).

Politik in dem umfassenden Sinne, wie wir sie heute erleben, gab es damals ja noch nicht. Mozart war deshalb vor allem ein gesellschafts- oder realpolitisch denkender Mensch. Seine Optik wurde dabei bestimmt von einem natürlichen und durchaus objektiven Gerechtigkeitsempfinden. Und so waren es als zu Recht erkannte Missstände, die er thematisierte und angriff. Als musikalischer Schöpfer unterwarf er sich nicht den gültigen Konventionen und ähnlich war sein Bild der Realität nicht beeinflusst von solchen Gesetzen.

„Mozarts Opern benötigen keine oberlehrerhafte Vermittlung. Wenn Menschen offen für sie sind, begreifen sie im Höreindruck, dass dieses Theater ihre eigene Lebenserfahrung wiederspiegelt." (Wolfgang Willaschek, Mozart-Theater, Vom Idomeneo bis zur Zauberflöte, Seite IX).

La clemenza di Tito wiederum ist ein absolut zeitloses Drama, in welchem die Gefühle eine derart intensive Gestalt annehmen, dass ich nicht nachvollziehen kann, dass diese Oper ein relatives Schattendasein gegenüber den Da Ponte-Opern führt.

Dass Mozart nicht in Vergessenheit geraten ist, obwohl er zu Lebzeiten sich nicht wirklich durchsetzen konnte, hat verschiedene Gründe.

Der Grund für seine stete Popularität liegt darin, dass er in seinem Kern jenseits eines Zeitbegriffes stand, gewissermassen zeitlos, da grundsätzlich, dachte und fühlte.

Schon der „jugendliche" Mozart weist ein unglaubliches psychologisches Gespür aus, dass sich später, um die politischen und gesellschaftlichen Erfahrungen erweitert, ihn letztlich zu einem Philosophen machen, der sich des Mediums Musik vermittelt.

Seine Figuren, seien sie durch den Kontext noch so sehr in bestimmte Schemen eingebunden, ist gemein, dass sie alle in ihrem Kern eine gewisse Wahrhaftigkeit haben. Sie bleiben dennoch echte Menschen, deren Fühlen und Handeln auch heute noch nachvollzogen und verstanden werden können.

Damit ist auch verständlich, dass bei Mozart immer die Gefahr besteht, gewisse Aspekte zu übersehen, und ihn damit sowohl zu unterschätzen oder gar misszuverstehen.

So ist Mozart nicht allein genialer Musiker und profunder Menschenkenner, Mozart ist ebenfalls Gesellschaftskritiker und Politiker, und in letzterem genauso ernst zu nehmen.

Denn Mozart kommt eigentlich Beethoven im Bestreben, mit der Musik etwas bewirken zu wollen zuvor.

Jeder Musiker weist bei Mozart auf die Einfachheit der Melodien hin, seine Partituren erwecken den Eindruck, alles sei leicht umzusetzen. Dabei ist er einer der schwierigsten Komponisten überhaupt. Und darin liegt ein weiterer Beweis für sein Genie.

Vesselina Kasarova / 2000

Literatur:

Born, Gunthard: Mozarts Musiksprache. Schlüssel zu Leben und Werk. München, 1989

Einstein, Alfred: Mozart. Sein Charakter - Sein Werk. Frankfurt am Main, 1968

Harnoncourt, Nikolaus: Der musikalische Dialog. Gedanken zu Monteverdi, Bach und Mozart. Salzburg und Wien, 1984

Hildesheimer, Wolfgang: Mozart. Frankfurt am Main, 1977

Kierkegaard, Sören: Die unmittelbaren erotischen Stadien oder das Musikalisch-Erotische. Hamburg, 1999

Nagel, Ivan: Autonomie und Gnade. Über Mozarts Opern. München/Wien, 1988

Oehlmann, Werner: Oper in vier Jahrhunderten. Stuttgart/Zürich, 1984

Paumgartner, Bernhard: Mozart. Leben und Werk. München, 1991

Rosen, Charles (1976): Der klassische Stil. Haydn, Mozart, Beethoven. Kassel, 1999

Sadie, Stanley: Mozart. Stuttgart, 1994

Stoffels, Ludwig: Drama und Abschied. Mozart - die Musik der Wiener Jahre. Zürich und Mainz, 1998

Willaschek, Wolfgang (1995): Mozart-Theater. Vom Idomeneo bis zur Zauberflöte. Stuttgart, 1996