Regie

Das Produktionsteam einer Inszenierung, Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner, haben einen wesentlichen Einfluss auf die Wirkung eines Künstlers. In ihrer Abhängigkeit und jener des Dirigenten vollzieht sich die Interpretation eines Sängers, d.h., sie definieren den Möglichkeitsraum, in welchem dieser seine Rolle gestalten kann. In ihrer Abhängigkeit und jener des Dirigenten vollzieht sich die Interpretation eines Sängers, d.h., sie definieren den Möglichkeitsraum, in welchem dieser seine Rolle gestalten kann.

Ich habe grosses Glück gehabt, dass ich mit den besten Vertretern ihres Faches in der Vergangenheit arbeiten durfte: Ursel und Karl-Ernst Herrmann, Jonathan Miller, Andrei Serban, Grischa Asagaroff, Patrice Chéreau, La Fura dels Baus, Marco Arturo Marelli, Gian Carlo del Monaco, August Everding, Tony Palmer, Robert Carsen, Michael Hampe, John Copley, Helmut Lohner, Jürgen Flimm, Claus Helmut Drese, John Dew, Hans Neuenfels.

Wenn ich mit den Proben zu einer neuen Produktion beginne, so habe ich schon vorher immer ein eigenes Bild der Interpretation meiner Rolle gemacht. Das heisst aber nicht, das ich mich der Regie verschliesse. Ich bin im Gegenteil sehr offen für die Ansichten und Anweisungen des Regisseurs, denn davon kann ich nur profitieren. Gibt es für mich neue Aspekte einer Rolle, an die ich vorher gar nicht gedacht habe? Oder werden diese in anderer Weise gewichtet? Wie ist die Rolle im Gesamtkontext positioniert? Die eigene Darstellung ist ja zudem auch nur im Zusammenspiel mit den Partnern möglich, da man nur ein Teil eines Ensembles ist. Deshalb wäre es ein Fehler, nur mit dem eigenen Blickwinkel zu arbeiten und stur an diesem festzuhalten.

Das bedeutet aber auch, dass bei einer Beurteilung einer künstlerischen Leistung dieser Rahmen berücksichtigt werden muss. Vom Produktionsteam wird also ein Charakterbild einer Partie in einer Art vorgegeben, weshalb man strenggenommen nur urteilen kann, wie gut dieses vom Darsteller ausgefüllt wird.

Die Oper und das Theater erzählen nicht einfach Geschichten wie ein Buch, oder geben eine Geschichte wieder wie der Film, Oper und Theater lassen eine Geschichte geschehen, lebendig werden. Dies ist aber auch der Grund, weshalb in der Oper die Darstellung nicht eingeschränkt werden darf. Oper ist sui generis Musiktheater.

Diesem Aspekt wird heute verglichen mit der jüngeren Vergangenheit viel mehr Bedeutung zugewiesen. Daran gibt es nichts zu kritisieren. „Theater" wird nur dann zum Problem, wenn sie gegen die Musik gerichtet ist und diese behindert.

Ob man vor hundert, zweihundert Jahren mehr oder weniger statisch die Opern aufführte ist auch nicht ausschlaggebend. Die Komponisten arbeiteten nicht nur mit den Mitteln ihrer Zeit sondern auch in deren generellem Kontext. Heute, wo nicht mehr Bilder, sondern Bilderfluten uns ständig umgeben, wo Bildwechsel innerhalb von Sekunden geschaltet werden, um Lebendigkeit zu erzeugen, darf sich die Oper auch nicht durch zu viel Statik unterscheiden, wenn sie mithalten und aktuell bleiben will. Das bedeutet nicht, den gleichen Fehler zu begehen, und maximale Aktion auf die Oper übertragen zu wollen. Wählt man aber die richtige Dosierung von Darstellung und Theater, kann sich die Oper behaupten und gleichzeitig einen wohltuenden Kontrast zur hektischen Realität bilden. Damit kann die Oper sogar heute noch eine weitere gesellschaftspolische Aussage transportieren, da sie eine Art von Wirklichkeit schafft, die einen Gegenpol zur realen bildet.

An dieser Stelle muss vielleicht noch einmal darauf hingewiesen werden, dass Singen immer ein körperlicher Prozess ist. Verbietet man dem Sänger jedigliche körperliche Regung, so ist dies gegen die Natur des Singens gerichtet. Damit verliert aber auch die Interpretation ihre Natürlichkeit, was auf Kosten der Musik geht. Es versteht sich natürlich von selbst, dass „Theater" nicht bis zum Exzess betrieben wird, sondern dass ein Sänger seine Darstellung immer auch dosiert.

Die Ansprüche eines Sängers an eine moderne Regie sind auch spezifische. Die Intensität, die ein Schauspieler seiner Darstellung geben kann, ist vom Sänger nicht erreichbar, da das Singen eine zusätzliche Komponente gegenüber dem Sprechen aufweist. Der Sänger ist in ein strengeres System eingebunden als der Schauspieler. Denn auch dieser wird nicht nur Worte von sich geben, sondern versuchen, mit Dynamik, Farben und Ausdruck diese zu gestalten, ihnen Sinn zu geben. Der Schauspieler verfügt aber über mehr Freiheiten, da er zeitunabhängig und selbständig gestalten kann, sei es, dass er das Tempo ändert, oder Pausen setzt. Der Sänger dagegen kann dies nur in Abhängigkeit oder in Absprache mit der Musik tun. Damit werden aber die Möglichkeiten der Darstellung eingegrenzt.

Heute ist es auch schon fast zum Problem geworden, dass „kurze Soprane", welche Mezzorollen singen, die Auffassung des Publikums prägen. Ein Sopran, der wegen der viel grösseren Konkurrenz in seinem Fach oder weil es bequemer ist Mezzo-Partien singt, verfügt normalerweise nicht über eine natürliche und ausgeprägte Tiefe wie ein richtiger Mezzosopran. Wird diese Lage in einer Partie aber verlangt, wird sie nicht richtig wiedergegeben. Wenn sich das Publikum an solche Interpretationen gewöhnt hat, folgt, und dies passiert immer öfter, dass richtigen Mezzos vorgeworfen wird, sie würden die Tiefe drücken oder gar einen Registerbruch aufweisen. Das bedeutet nicht, dass ein Sopran keine Mezzorollen singen darf, da diese Unterscheidung sowieso sehr schwierig ist.

Wählt ein Produktionsteam das Mittel der Verfremdung, ist es naheliegend, dass die Inszenierung auf Ablehnung stösst. Ich finde, dass es falsch ist, a priori so zu reagieren. Denn ein solcher Ansatz kann sehr oft zur Folge haben, dass ein uneingeschränkter Blick auf die Musik erst möglich wird, während eine traditionelle Umsetzung so vertraut erscheint, dass sie nur mehr unterhaltet.

Man beachtet oft nicht, dass ein guter Regisseur bei einer Wiederaufnahme einer Produktion mit einer neuen Besetzung, sich nicht einfach an eine Reproduktion des vorher Erarbeiteten beschränkt, sondern die Persönlichkeiten der neu Mitwirkenden berücksichtigt und damit eine „neue" Produktion schafft.

Vesselina Kasarova / 2001