Christoph Willibald Gluck
ORPHÉE ET EURYDICE - Orphée
München / Bayerische Staatsoper / 20. Oktober 2003 (P)

© Opernwelt, Dezember 2003, Seite 13, Klaus Kalchschmid

Vesselina Kasarova ist Münchens Orpheus

... Obgleich als indisponiert angekündigt, war Vesselina Kasarova diese Idealverkörperung des Orphée, allenfalls etwas zurückhaltend im sängerischen Einsatz, was die Wirkung des Ganzen freilich kaum beeinträchtigte. Ihre grosse Bühnenpräsenz und ihre Musikalität überwältigten samt ihrem bronzen leuchtenden Timbre selbst bei etwas verminderten Intensität. Und nicht zuletzt die grosse Koloratur aus der Feder von Berlioz und Viardot am Ende von „Amour, viens rendre à mon âme" (einer Arie, die Berlioz mit zwei Holzbläsern, Hörnern und Trompeten neu orchestrierte) und das zutiefst innige, vor dem schwarzen Zwischenvorhang gesungene „J'ai perdu mon Eurydice" liessen das Publikum den Atem anhalten. ...

© Opernglas, Dezember 2003, Seite 8, Ralf Tiedemann

Vesselina Kasarova - Grandioser Orpheus

... Dabei hätte dem Regieteam eine sehr fähige Singschauspielerin in der Titelpartie zur Verfügung gestanden. Allein die Ausstrahlung dieser charismatischen Sängerin rettete die Produktion vor einer grossen Leermenge, auch wenn in diesem szenischen Umfeld selbst das intensive Spiel von Vesselina Kasarova zuweilen in die Nähe des Plakativen geraten musste. Hatte die Bulgarin sich in der Premiere noch grippegeschwächt ansagen lassen müssen, war sie in dieser zweiten Vorstellung weitestgehend wieder im Vollbesitz ihrer stimmlichen Kräfte. Mit der ihr eigenen vokalen Souveränität und in jeder kleinsten Nuance spürbaren Identifikation nahm sie von Beginn an gefangen, spielte mit den unerschöpflichen Möglichkeiten ihres so farbenreichen Stimmmaterials und phrasierte beseelt die oft gehörten Melodien, als entstünden sie in diesem Moment neu. Wer einen Mezzosopran dieses Kalibers als Orpheus verpflichten kann, ist tatsächlich gut beraten, die Berlioz-Fassung der Gluck-Oper zu wählen. Die vielen intensiv vorgetragenen lyrischen Passagen wurden erwartungsgemäss zu Höhepunkten der Aufführung, auch wenn die erwähnte, grandios gemeisterte Bravourarie „Amour, viens rendre à mon âme" am Ende des ersten Aktes, einst für - und teilweise von - Pauline Viardot mit einer grossen Solokadenz versehen, zum eigentlichen Showstopper des pausenlos gespielten Abends avancierte. ...

© Frankfurter Rundschau, 29. Oktober 2003, Joachim Lange

Vesselina Kasarova, Nigel Lowery und Ivor Bolton zelebrieren in München mit Glucks „Orphée et Eurydice eine Berlioz-Ehrung

... So wie jetzt Vesselina Kasarova, die, in der ganz auf sie zugeschnittenen Münchner Produktion, ihren Rang als nicht nur technisch perfekte, sondern auch gestaltungsstarke Künstlerin unter Beweis stellen konnte und trotz Erkrankung den wohl derzeit besten Orphée glaubhaft machte. Und das nicht nur in der Virtuosität der grandiosen Arie am Ende des ersten Aktes. Sie gewinnt natürlich auch dem traurig selbstanklagenden Hit der Oper „J'ai perdu mon Eurydice" tiefe menschliche Züge von Trauer und auch von Selbstanklage ab. ...

© Neue Zürcher Zeitung, Internationale Ausgabe, 27. Oktober 2003, Seite 18, Marianne Zelger-Vogt

... Ivor Bolton mag noch so viel rhythmische Energie investieren, um das klein besetzte, bei konsequent vibratoarmen Spiel nicht sehr farbig klingende Orchester bis zuletzt bei Laune zu halten, die Oper ist zu Ende, wenn Vesselina Kasarovas Orphée die Bühne verlässt, denn sie ist es, die die Gegensätze zusammenführt, aus Gluck und Lowery ein Ganzes macht - dank ihrer Stimme, die zwischen dunklen Alt- und lichten Soprantönen, zwischen hauchzartem Piano und üppiger Klangfülle in tausend Schattierungen funkelt, schimmert und strahlt, aber auch mit einer unnachahmlich expressiven Gebärdensprache, die ihren Körper selbst zum Instrument macht. In Orphée hat
Vesselina Kasarova eine neue Idealrolle gefunden. Glaubhafter kann der Mythos des thrakischen Sängers, der mit seinem Gesang selbst die Götter der Unterwelt rührt, nicht vergegenwärtigt werden. ...

© Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24. Oktober 2003, Gerhard Rohde

... Die Inszenierung kann sich dabei auf die Sängerin Vesselina Kasarova verlassen. Die bulgarische Mezzosopranistin beherrscht die Szene mit der ihr eigenen Intensität und schauspielerischen Präsenz. In ihrem dunklen Timbre schwingen alle Sehnsucht, alle Trauer, alle Empörung über das menschliche Schicksal mit, von denen Glucks Musik spricht. Wegen Vesselina Kasarova und als Reverenz zum 200. Geburtstag von Hector Berlioz hat man sich in München auch für die Bearbeitung des französischen Komponisten entschlossen, die 1859 am Théâtre Lyrique in Paris erstmals aufgeführt wurde. Berlioz machte dabei die Tenorbesetzung in der französischen Fassung, die Gluck 1774 für die Académie Royale de Musique herstellte, wieder rückgängig, weil er in der Sängerin Pauline Viardot die ideale Alt-Besetzung gefunden hatte. ...

© AZ, Münchner Abendzeitung, 22. Oktober 2003, Seite 19, Roland Spiegel

Glucks „Orphée et Eurydice" an der Bayerischen Staatsoper - mit Vesselina Kasarova als Sensation

... Trotz allem gelingt es Vesselina Kasarova, Glucks Intensität auszuspielen. Wie ein traumverloren Irrender wird sie zum Dreh- und Angelpunkt der Produktion, bringt auch mit etwas weniger samtiger Stimme als sonst eine Glanzleistung bei den großen Tonsprüngen und fordernden Tieftönen der Partie. Die Sehnsucht des nach seiner Geliebten schmachtenden Sängers - stärker könnte man sie nicht mit Ausdruck aufladen. Und bei der Barvour-Nummer „Amour, viens rendre à mon âme" singt sie vor dem Vorhang auch eine lange Solo-Kadenz in der Tradition der legendären Pauline Viardot. Krank oder nicht: ein Wunder! ...

© tz, Münchner Tageszeitung, 22. Oktober 2003, Seite 14, Beate Kayser

Nationaltheater: Erfolg für „Orphée et Eurydice" mit der glänzenden Vesselina Kasarova

Wie, fragt man sich, hätte sie den bloß gesungen, wenn sie nicht krank gewesen wäre? - Vesselina Kasarova, für viele der Hauptgrund zum Besuch der „Orphée et Eurydice"-Premiere im Nationaltheater, sang „mit Ansage", wollte aber ihre Gluck-Premiere, ein auch von ihr herbeigesehntes Rollendebüt, nicht absagen und überwand mit den Zaubertönen ihres Gesangs nicht nur die Geister der Unterwelt, sondern auch die des Infekts.

Warm, wie eine zärtliche Berührung, ist ihre Stimme. Man spürt, wie sich die 2000 im Nationaltheater geradezu einwiegen lassen von dieser anbrandenden Woge unverstellten Gefühls, das über die Totenklage um Eurydice ins Leiden an der Welt an sich vordringt. Dunkle, raunende Töne sind zu bestaunen, der grosse Ausbruch, die beseelte Koloratur und der federleicht genommene innere Monolog. Die Kasarova steht zwei Stunden auf der Bühne, gliedert die Partie in unendliche Farben und Facetten, macht sie tief und reich. Sie ist an diesem Abend der Gesang, die Oper, die Musik in einer, ihrer Person.

Und nicht nur Ivor Bolton am Pult des Staatsorchesters, der ihr hingerissen, sensibel, temperamentvoll folgt, hat das erkannt, sondern auch das Inszenierungsteam Nigel Lowery und Armin Hosseinpur (in München seit „Giulio Cesare" bekannt, damals noch als Bühnenbildner und Choreograf, jetzt immer öfter als Inszenierungsduo). Die beiden machen in der Inszenierung zum Angelpunkt, was die Kasarova anbietet, nämlich in ihrer Person eine schlüssige Chiffre für Musik zu sein. ...

© Stuttgarter Nachrichten, 22. Oktober 2003, Seite 13, Susanne Benda

Beeindruckendes Debüt von Vesselina Kasarova

... Dies allerdings ist vollständig missglückt - oder wäre es zumindest, hätte die bulgarische Mezzosopranistin Vesselina Kasarova bei ihrem Rollendebüt als Orpheus nicht trotz verkündeter Indisposition jene legendäre Pauline Viardot wieder erstehen lassen, für deren tiefe Stimme, Koloraturgewandtheit und Ausdrucksfülle Hector Berlioz 1859 Glucks Oper bearbeitete. ...

© Münchner Merkur, 22. Oktober 2003, Gabriele Luster

Der Triumph der Kasarova

Bayerische Staatsoper: Glucks „Orphée et Eurydice"

... Das ist vermutlich das Verdienst von Vesselina Kasarova. Nach (fast) durchschwiegener Generalprobe und immer noch von einem Infekt geplagt, gab sie dem Orpheus dennoch, was ihm gebührt: edle Gestalt und Zaubergesang. Sie, für die Intendant Peter Jonas wohl gerade diese, heute selten gespielte Orpheus-Fassung aufs Programm gesetzt hat, schonte sich nicht. Vor allem nicht in der Bravourarie am Ende des ersten Aktes, die eigentlich aus dem ganzen Stück heraus- und in die vom „Romantiker" Gluck überwundene Opera-Seria-Virtuosität zurückfällt. Berlioz' Orphée bewegt sich in der Mezzoregion ähnlich wie Glucks italienischer Ur-Orfeo für einen Altkastraten aus dem Jahre 1762, dem der Komponist aber für seine Pariser Fassung („Orphée et Eurydice") 1774 einen hohen Tenor folgen liess. Als zirzensisches Feuerwerk brannte die Kasarova dieses „Amour, viens rendre à mon âme" ab: Lustvoll hob sie zu den gewaltigen Sprüngen ab und perlte schimmernd die Koloraturen hin. Darin motiviert sich ein vor Liebe flammender Orpheus für den Abstieg in die Unterwelt - der (anders als bei Monteverdi) siegreich ausgehen muss. Doch auch im zarten, liedhaften (Klage-)Gesang, den Gluck aus so viel echtem, innigem Gefühl speist (in der wundervollen Romance mit dem Oboen-Echo oder im allbekannten „J'ai perdu mon Eurydice"), verband die Kasarova Schlichtheit und natürliche Eleganz. Vielleicht hielt sie sich in den rezitativen Übergängen ein wenig zurück, wirkte dort stellenweise weniger frei und gedeckter, als wenn sie ganz gesund und fit gewesen wäre. Doch ihre gespannte Konzentration, ihr Charme und ihre geschmeidige Gewandtheit im Spiel beflügelten ihren privaten Triumph. ...

© Süddeutsche Zeitung, 22. Oktober 2003, Seite 15, Reinhard J. Brembeck

... Trotz einer Erkrankung beherrscht Orpheus Vesselina Kasarova sängerisch wie von der Ausstrahlung her fulminant die Szene - auch wenn sie arg mit ihren Kräften geizen muss. Ihr dunkles Timbre ist ganz Verzweiflung, ganz Sehnsucht nach einer Rückkehr zur Erde, ganz Verlangen nach einem Ende, ganz Klage über die Verworfenheit der Welt. Somit ist der Orpheus schlicht ihre Rolle, und rechtfertigt allein schon die Wahl von Hector Berlioz' hybrider Bearbeitung (1859), dies sowohl auf Glucks italienischer Fassung für Altkastrat (1762) als auch auf die französische Bearbeitung für hohen Tenor (1774) zurückgreift. ...

© Südwest Presse, 22. Oktober 2003, Jürgen Kanold

Unterwelt mit Kuscheltieren

Vesselina Kasarova stimmt die Götter milde

Die Furien kochen Orchestermusiker, und auch ein Eisbär tapst durch die Unterwelt: Ironisch verspielt, wenn auch nicht spektakulär hat Nigel Lowery den Gluck-Klassiker „Orphée et Eurydice" an der Bayerischen Staatsoper inszeniert. Der Premierenstar: Vesselina Kasarova.

... Den Orpheus komponierte Gluck zunächst für einen Kastraten, dann, in der französischen Fassung, für einen hohen Tenor; Berlioz wiederum richtete die Partie ein für die berühmte Pauline Viardot. Ein Glücksfall: „Nichts ist von so sanfter Tiefe wie das herrliche Timbre der Altstimme", schwärmte Berlioz. Vesselina Kasarova ist mit ihrem Mezzo, dessen unglaublich volltönende, ja männliche Tiefe die Seelen rührt, die ideale Sängerin dafür. Gleichzeitig hat die Bulgarin, die auch eine begnadete Darstellerin ist, die feinsten Koloraturen in jeder Höhe zur Verfügung. Umjubelt meisterte der angeschlagene Star selbst die Kadenz der grossen Orpheus-Arie am Ende des 1. Aktes.